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Dulden oder Diebstahl?

Cold Hearted

Lieber Chef. Letzthin habe ich einen privaten Brief in unseren Postausgang im Büro gelegt und prompt ein schlechtes Gewissen gehabt. Da gibts ja noch viele ähnliche Beispiele. Ein paar Seiten für den Schulvortrag des Sohnes farbig im Büro ausdrucken, beim Büromaterial einen Leimstift oder Druckerpapier für zuhause mitgehen lassen, private Telefonate mit dem Geschäftsanschluss führen. Laut Gesetz ist das Diebstahl, das ist mir schon klar. Aber irgendwie machen das doch alle, oder? Was tolerieren Sie in Ihrem Betrieb? Wo hört das Dulden auf, wo fängt der Diebstahl an? Herzlichst, Simone (28), Buchhalterin

Liebe Simone

Gesetz ist Gesetz. Und Geschäft ist Geschäft. Aber es gibt nichts, was der Chef lieber mag als Angestellte, die auch ausserhalb der Geschäftszeiten an das Geschäft denken. Und sei es nur, dass im Geschäft halt der bessere Kopierer steht als zu Hause. Ist doch schön, dass das Geschäft etwas zu bieten hat, das auch privat von Nutzen ist.

Also alles kein Problem. So lange es im Rahmen bleibt. Um für diesen Rahmen ein Gefühl zu kriegen, insbesondere wenn die Kopiertätigkeit regelmässigen Charakter annimmt, empfehle ich ein persönliches Gespräch. Äussern Sie ganz direkt, welche Infrastruktur Sie wie häufig gut gebrauchen könnten. Und welch grossen Nutzen Sie, Ihre Kinder und Ihre Verwandten in Australien daraus ziehen. Ihr Chef wird diese Zusatzleistungen grosszügig dulden, wenn Sie im Gegenzug beim nächsten Lohngespräch kulant sind. Denn was in einem Unternehmen wirklich relevante Kosten verursacht, sind weder der Drucker, noch das Telefon, noch der Computer, noch die Mietkosten fürs Büro und auch nicht die Stabilo Bosse. Es sind die Löhne.

Nehmen wir einen Betrieb mit 15 Mitarbeitenden und alle verdienen CHF 6000.- brutto pro Monat. Das generiert mehr als eine Million Lohnkosten. Ich meine eine Million Schweizer Franken. Jedes Jahr. Wer träumt nicht davon, im Lotto eine Million zu gewinnen? Das ist verdammt viel Geld, das der Chef jedes Jahr ausbezahlt. Und er muss noch einiges mehr davon reinholen, damit sein Unternehmen überhaupt rentiert.

Wenn jeder Mitarbeitende jeden Arbeitstag eine Farbkopie für sein Kind nach Hause bringt, kostet das, wenn eine Farbkopie mit einem Franken zu Buche schlägt, pro Jahr 3600 Franken. Soviel kostet ein schönes Weihnachtsessen. Als Buchhalterin wissen Sie das noch besser als ich.

Wenn also alle im Geschäft einfach unbedarft und ungefragt kopieren, Stifte nach Hause transferieren und telefonieren auf Geschäftskosten, ist nicht der Betrieb in Gefahr. Wohl aber das Weihnachtsessen, der Firmenausflug und vor allem der Goodwill der Geschäftsleitung. Es geht um Vertrauen. Sie leisten etwas für den Betrieb. Und er etwas für Sie. Deal or no Deal?

Mit freundlichen Grüssen
Ihr Chef vom Ganzen

Photo by Mike Gabelmann (CC BY-NC 3.0)

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