Nichts zu tun

Lieber Chef vom Ganzen. Ich habe nichts zu tun. Ich meine damit: Ich sitze da, bekomme Gehalt, habe aber keine Arbeit. Wenigstens so gut wie keine. Und irgendwie merkt das niemand. Und ich merke, dass ich mich langsam daran gewöhnen könnte. Soll ich? Lars, 44, Elektrozeichner

Lieber Lars

Vielleicht sollten Sie tatsächlich. Zumindest noch für eine kurze Zeit. Als Training für später. Denn in etwas mehr als zwanzig Jahren werden Sie sich in der exakt gleichen Situation wiederfinden. Nur haben Sie dann keine Wahl mehr. Sie werden dasitzen, ohne Arbeit oder zumindest so gut wie keiner. Niemand wird es merken. Und Sie werden trotzdem ein Gehalt kriegen. Vom Staat. Weil Sie pensioniert sind.

Viele frisch gebackene Pensionäre kämpfen, ja hadern mit dem Wegfall einer der grössten Konstanten im Leben. Und ich meine damit nicht die Frau, die ihnen jeden Abend ein Feierabendbier auf den Tisch stellt. Mit dem Nichts umgehen zu können, dürfen Sie als grosse Stärke werten. Falls Sie dabei gar in einen Zustand höchsten Glücks geraten, sollten Sie sich dem Studium fernöstlicher Philosophen widmen. Die werden Ihnen den Weg ins Nirwana weisen.

Bis dahin empfehle ich Ihnen, sich schleunigst bei Ihrem Vorgesetzten zu melden. Damit er Sie aus dem meditativen Dämmerzustand rausholt und Ihnen neue Aufgaben und Probleme aufhalst. Bestehen Sie auf Herausforderungen, die Sie beruflich fordern und persönlich weiterbringen. Und auf die Sie in zwei Jahrzehnten stolz zurückblicken. Wäre doch jammerschade, wenn Sie Ihren Enkeln nur die unendliche Geschichte vom Nichts erzählen könnten.

Mit Zen und Ommmmm
Ihr Chef vom Ganzen

So peinlich

La media naranja

Lieber Chef vom Ganzen. Ich habe meine neue Stelle vor drei Wochen angetreten. In dieser kurzen Zeit sind mir mehrere peinliche Dinge passiert. Ich wollte zum Beispiel einer Kollegin einen Gefallen tun, die sich jeden Tag frischen Orangensaft presst und habe ihr sämtliche Orangen geschält. Mir war nicht klar, dass man das nicht sollte. Einmal kam ich mit einem Kater ins Büro, ein Kollege gab mir ein Alka-Seltzer, und ich dachte, man müsse die lutschen. Ich habe mitten in der Kantine vor der ganzen Belegschaft geschäumt. Und den dritten Vorfall verschweige ich, weil er einfach zu peinlich ist. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt tun kann, was ich will, bei dieser Firma werde ich für alle Zeiten den Ruf des Schussels haben. Bleibt mir nur der schnelle Wechsel? Georg, 29, Versicherungsmathematiker

Lieber Georg

Sie sind hilfsbereit, zuvorkommend gar. Und Sie schlucken, respektive lutschen auch mal was weg, wenn es Ihnen dreckig geht. Das sind grossartige Charaktereigenschaften. Dafür wird man Sie in dieser Firma noch lieben. Vorausgesetzt, Sie zeigen nicht nur bei den Dossiers Orangen und Alka-Seltzer Eigeninitiative.

Peinlichkeiten machen Sie nur allzu menschlich. Die passieren überall. Mal kommt ein Blumenstrauss bei der falschen Person an, mal geht eine Läster-E-Mail ungewollt an alle, mal wandert die Krawatte des Chef in den Schredder. So lange Sie nur Ihre eigene Ehre verletzen, sind Sie auf der sicheren Seite. Aber aufgepasst: die Grenze zum Fremdschämen liegt nicht weit.

Vielleicht wagen Sie sich das nächste Mal auf Terrain vor, das Sie kennen. Kaffee? Kuchen? Gipfeli? Versicherungsmathematik? So gewinnen Sie Vertrauen in Ihre Aktionen. Verwechseln Sie diese Strategie nicht mit Anpassung. Verbiegen Sie sich nicht. Bleiben Sie sich selbst. Sonst enden Sie über kurz oder lang in einer Stresssituation. Und machen eine Dummheit, die nicht mehr peinlich ist, sondern gefährlich.

Ein gutes Rezept, Kontakte zu knüpfen, heisst, sich für den Feierabend zu interessieren. Mit Ihrer schusselig-liebenswürdigen Art finden Sie im Betrieb bestimmt ein paar Kollegen, mit denen Sie am nächsten Morgen gemeinsam ein Alka-Seltzer schlucken. Und am Abend zuvor über die Orangen lachen können. Das verbindet.

Den Job wechseln würde ich erst dann, wenn Ihnen kein Mitarbeiter mehr Mut zuspricht, sondern Sie hinter vorgehaltener Hand belächeln und/oder Fotos von Ihrem geschäumten Mund bei Facebook auftauchen.

Mit frisch gepresstem Orangensaft
Ihr Chef vom Ganzen

Bild: 500px (CC BY-NC-SA 3.0)

Zwischen zwei Zweigen

inquisitive Cardinal by James Russo

Lieber Chef vom Ganzen. Ich suche dringend einen neuen Job. Im Moment halte ich mich mit Freelance-Aufträgen über Wasser. Und der Pegel steigt sogar ziemlich gegen Hochwasser, es läuft gut. Nun habe ich durch persönliche Beziehungen ein Job-Angebot in der Kommunikationsabteilung eines Grossunternehmens erhalten. Job wäre interessant, Lohn gut, das Drumherum sehr gut. Habe mit Bekannten gesprochen, die dort arbeiten – und zufrieden sind. Dann habe ich mich noch auf eine Stelle regulär beworben. Auch in der Kommunikationsabteilung einer grossen Dings. Job wäre interessant, Lohn sehr gut, Drumherum gut. Unterschied zum anderen Job: Ich bin eine Bewerberin unter vielen und kenne dort niemanden. Das Problem ist, dass wohl noch nicht feststehen wird, ob das mit Job B etwas wird, wenn ich bei Job A zusagen muss. Soll ich nun den fetten Spatz in der Hand nehmen oder den Vogel auf dem Dach, der vielleicht nicht mal ne Taube ist? Eva, 33, Kommunikationsirgendwas

Liebe Eva

Die Frage ist, wie gut Sie sich mit Vögeln auskennen. Spatzen und Tauben sind weit verbreitet. Wenn nicht gar eine Plage. Mit Ihrer Qualifikation dürfen Sie stets mit guten Angeboten von Grossunternehmen rechnen, um im Schwarm geordnet Richtung Süden mitzufliegen. Natürlich hilft es, wenn Sie bereits den einen oder anderen Vogel im Betrieb kennen und wissen, wie der Wind pfeift. Und weil Erfolg im Business auf Beziehungen gründet und nicht auf Ungewissheit, empfehle ich Annahme von Job A.

Schöner aber als der Spatz in der Hand, ist die Taube auf dem eigenen Dach. Der spannendste Job heisst weder A noch B. Sie üben ihn bereits aus. Als Freelancerin verfügen Sie über etwas, um was Sie unzählige Spätzchen und Täubchen in den Konzernkäfigen beneiden: Freiheit. Sie sind das Rotkehlchen, der Kanarienvogel, der Pfau, der Strauss, der Adler, die Exotin, die Ihre eigene Flugbahn bestimmt. Nicht immer das gemütlichste Nest. Aber Ihr eigenes.

Überlegen Sie gut, ob Sie die vielleicht aus der Not gewonnene Selbständigkeit nicht zur Tugend machen wollen. Beziehungen zu Grossunternehmen bestehen, diese in Aufträge umzumünzen, reizt Sie nicht? Es klingt nicht so, als müssten Sie hartes Brot essen. Sondern eher nach Expansion. Warum also nicht ein paar Spatzen für Sie pfeifen lassen, anstatt in den Käfig wandern und Konzernkörnli picken?

Mit dem Lockruf der Selbständigkeit
Ihr Chef vom Ganzen

Bild: 500px (CC BY-ND 3.0)

Sexuelle Belästigung

Sexy Man by Eduardo Carrasco

Lieber Chef vom Ganzen. Ich bin seit gut einem Jahr selbständig. Da ich mich im IT-Umfeld bewege, habe ich es mehrheitlich mit Männern zu tun. Ist grundsätzlich auch kein Problem für mich, wenn da nicht immer wieder folgendes passieren würde: Ich werde angefragt für einen Lunch, welcher sich als Business-Lunch tarnt und der liebe gute Mann hat dann aber irgendwelche andere Absichten… Sie verstehen schon… oder ich bin an einer Veranstaltung, um Networking zu betreiben und diskutiere mit Männern und tausche Visitenkarten aus und nachher werde ich bombardiert mit SMS: wie wäre es mit einem kleinen Abenteuer, einem Nachtessen etc. Ich bekomme sogar Fotos. Hilfe! Nun meine Frage: Wie kann ich auf nette Art und Weise eine „Absage“ erteilen? Vor allem denjenigen (Kunden/Lieferanten), welche mir geschäftlich immer wieder über den Weg laufen? PS: Mein Ausschnitt reicht nicht bis zum Bauchnabel und ich trage auch keinen Minirock… ;-) Christine (33), Informatikerin

Liebe Christine

Jeder erfolgreiche Verkäufer weiss, er verkauft in erster Linie nicht seine Produkte oder Dienstleistungen, er verkauft sich selbst. Jedes Verkaufsgespräch ist ein Flirt, hat mir eine Verkaufstrainerin einmal verraten. Und viele Männer gehen in diesem Spiel ganz in ihrer Rolle als Eroberer auf. Ich war selbst schon an einigen Messen und weiss aus sicherer Quelle, dass Sie nicht die Einzige sind, die mit balzenden Gockeln und amourösen Wadenbeissern zu kämpfen hat.

Die grosse Herausforderung besteht darin, die Casanovas auf Distanz zu halten, ohne dass sie das geschäftliche Interesse an Ihnen verlieren. Anders herum funktioniert das natürlich auch. Nicht wenige Frauen verdrehen den Männern aus Kalkül den Kopf. So oder so. Privates und Geschäftliches trennen, funktioniert bei Selbständigen nicht. Sie sind das Geschäft.

Und jetzt ganz konkret: Zuerst sollten Sie Ihre Handynummer präventiv von Visitenkarte und E-Mail-Signatur streichen und Ihr Geschäftstelefon auf Ihr Handy umleiten, wenn Sie unterwegs sind. Geht mit VOIP automatisch. Mache ich auch so. Eindeutig zweideutige Anfragen konsequent ignorieren. Auf allen Kanälen. Mit einer Absage, egal wie nett getextet, können Sie nur verlieren. Falls Sie geschäftlich auf den Kontakt angewiesen sind: einfach weiter machen wie wenn nichts gewesen wäre. Und bei Geschäftsbeziehungen so lange wie möglich per Sie bleiben.

Sie müssen das Ganze sportlich sehen. Männer sind Jäger. Sie werfen gerne Speere. Und die meisten können auch gut damit umgehen, wenn mal einer nicht trifft. Verlieren Sie Ihr Lächeln nicht. Flirten gehört zum Geschäft. Aber was erzähle ich Ihnen da, ich habe an einer Messe meine Frau kennengelernt.

Mit einem Augenzwinkern
Ihr Chef vom Ganzen

Bild: 500px (CC BY 3.0)

Unter ferner liefen

Photograph Human Streetrace by Knut Haberkant on 500px

Lieber Chef vom Ganzen. In unserer Stadt wird jedes Jahr ein öffentliches Wettrennen durch die Altstadt durchgeführt. Unter anderem gibt es die Kategorie «Firmen». Unser Chef ist wild entschlossen, unseren Betrieb dort anzumelden. Wir sind eine sechsköpfige Belegschaft, und der Chef besteht darauf, dass alle mitmachen. Aus Werbegründen sollen wir einen hautengen Ganzkörperanzug in unseren Firmenfarben tragen. Ich bin 1.73m gross, 95 Kilo schwer, habe zwei lädierte Knie und bin schon fix und fertig, wenn mal der Lift in den 2. Stock ausfällt. Wie komme ich aus der Sache raus? Toni, 43, Elektroinstallateur.

Lieber Toni

Ihr Chef ist ein Marketing-Genie. Bei so einem Stadtlauf werden am Ende ja nur die drei bestplatzierten Firmen gefeiert und am Folgetag in der Zeitung vermeldet. Mit Gratis-PR und einem Pokal ist bei einer derart lädierten Truppe von Liftfahrern nicht zu rechnen. Ein ambitionierter Chef könnte also, wie es bei Plauschturnieren viele tun, den einen oder anderen Profi in die Mannschaft einwechseln. Oder er sorgt dafür, dass die Firma jenseits der sportlichen Leistung auffällt. Wobei ein paar leichtfüssige Afrikaner für beide Effekte gut wären.

Der atemberaubend enge Dress wird bei den Passanten einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Je nach Firmenfarben reicht es vielleicht sogar für das Foto in der Zeitung.

Sie müssen das olympisch sehen: dabei sein ist alles. Die Frage ist nur wie. Verbissen, kämpfend, schwitzend, ringend, röchelnd oder langsam, aber stetig und mit einem Lächeln. Nicht nur dem Sieger, auch dem Underdog fliegen die Sympathien zu. Und dann gäbe es ja immer noch die Möglichkeit, den Ganzkörperanzug auf den Kopf auszuweiten. Iron Man, im weitesten Sinne ebenfalls Elektroinstallateur, trägt ja auch Helm. In diesem Sinne empfehle ich: Augen zu und durch.

Mit elektrisierenden Grüssen
Ihr Chef vom Ganzen

Bild: 500px (CC BY-ND 3.0)

Was sind Geschäftsideen wert?

Money by Bong Grit

Lieber Chef vom Ganzen. Wir haben neuerdings in der Kantine eine «Ideenbox». Jeder Angestellte kann Vorschläge zur «Verbesserung der Effizienz oder Steigerung des Umsatzes» auf eine Karte schreiben und reinwerfen. Jeden Monat wird ein Sieger gekürt, der dann einen zusätzlichen freien Tag erhält. Ich halte das für eine linke Tour. Ich hätte viele Ideen für eine massive Umsatzsteigerung, aber die gebe ich doch nicht für einen einzigen freien Tag her. Wie sehen Sie das? Rouven, 36, Product Manager

Lieber Rouven

Das ist keine linke Tour. Im Gegenteil. Die eigenen Mitarbeiter fragen und mitbestimmen lassen, ist ein lobenswerter Vorstoss des Managements. Und besser als eine Gruppe von HSG-Abgängern in McKinsey-Kostümen zu engagieren, deren Konzepte zur Steigerung von Effizienz, Umsatz und vor allem Gewinn meist darin gipfeln, dass die eine Hälfte der Mitarbeiter gehen muss und die andere Hälfte nur noch die Hälfte verdient.

Die jeweils beste Idee mit einem freien Tag zu honorieren, mag kleinlich klingen. Ist aber verdammt clever. Denn ein freier Tag ist für alle Mitarbeiter gleich viel wert. Egal auf welcher Stufe sie stehen, egal wie viel sie verdienen.

In jedem Betrieb schlummert kreatives Potenzial. Man muss es nur finden und nutzen. Lassen Sie sich darauf ein. Falls Ihre Ideen tatsächlich so massiv einschlagen wie Sie behaupten und jeden Monat abräumen, gewinnen Sie nicht nur einen freien Tag. Sondern auch den Respekt der gesamten Belegschaft. Und Sie empfehlen sich als der Mann mit den Gewinn bringenden Ideen.

Die Geschäftsleitung wird von alleine drauf kommen, dass Sie anstatt zwölf Tage im Jahr länger als alle anderen an der Sonne brutzeln, besser arbeiten würden. Um mit noch mehr Ideen noch mehr Umsatz zu generieren. Das macht Sie absolut unverzichtbar und wertvoll. Genau so werden Sie Chef.

Mit einem Sonnenbrand
Ihr Chef vom Ganzen

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Der Chef und sein König

Fall Crown by Eva Ribot

Lieber Chef vom Ganzen. Ein Kunde hat mich bei meinem Chef völlig ungerechtfertigt schlecht gemacht, und mein Chef stärkt mir nicht den Rücken, obwohl er die Wahrheit kennt. Er verlangt, dass ich mich beim Kunden entschuldige – um der guten Stimmung willen. Das werde ich nicht tun. Stattdessen habe ich gekündigt und werde mich selbständig machen. Am liebsten würde ich auch dem bewussten Kunden per E-Mail alle Schande sagen, es hat sich so viel Wut angestaut. Andererseits kennen sich in unserer Branche alle Leute gegenseitig, und vielleicht leidet meine künftige Selbständigkeit darunter. Was soll ich höher werten: Meinen Geschäftssinn oder meine Psychohygiene? Remo, 37, Eventplaner

Lieber Remo

Der Chef ist gar nicht der Chef. Das werden Sie schnell merken, wenn Sie mit dem bewundernswerten Schritt in die Selbständigkeit selbst zum Chef avancieren. Es gibt ein höheres Wesen als den Chef: den König. In der Geschäftswelt, auch in der demokratischen Schweiz, herrscht Monarchie. Zumindest in jenen Betrieben, die von sich behaupten, dass der Kunde König ist.

Natürlich machen selbst die mächtigsten Könige mächtige Fehler. Der Chef hat es in der Hand, wie er damit umgehen will. Dafür muss er auch die Konsequenzen tragen. Ihr Chef zog es offenbar vor, zu duckmäusern. Wahrscheinlich aus Angst, mit der Wahrheit die Gunst des Königs zu verspielen. Es ist deshalb an ihm, sich beim Kunden zu entschuldigen. Nicht in Ihrem Namen, sondern in seinem eigenen oder zumindest im Namen der Unternehmung.

Ein Chef, der nicht für die Fehler seiner Mitarbeiter gerade steht, ist keiner. Es ist doch so: wenn Shaquiri nicht trifft, muss Hitzfeld gehen.

Der Hase läuft also so: Sie verkneifen sich das E-Mail an den verhassten Kunden. Und laden ihn sogar zur Eröffnung Ihres neuen eigenen Unternehmens ein. So machen Sie reinen Tisch. Auch wenn sich in Ihrer Branche alle kennen. In keiner Branche denken alle gleich. Sie werden etwas besser, oder zumindest anders machen, als Ihr Ex-Chef. Und deshalb auch Ihren eigenen König finden.

Mit Zepter und Krone
Ihr Chef vom Ganzen

Photo by Eva Ribot (CC BY-NC-SA 3.0)

Der Minirock’n’Roll

Photograph cat by John Dunnigan on 500px

Lieber Chef vom Ganzen. Ich bin eine Frau in führender Position und mag mich nicht dem gängigen Clichée der Kleidungsnorm „graue toughe Maus“ unterwerfen. Deux-Pièces stehen mir einfach nicht und um hautfarbene Strumpfhosen mache ich einen weiten Bogen. Nun meinte eine Arbeitskollegin letzthin auch noch, sie würde nie mit offenen Haaren an ein Kundenmeeting gehen, da dies höchst unprofessionell wirke. Ich habe mir diese Frage noch nie gestellt (und bin wohl damit – wenn auch unwissentlich – schon des öfteren negativ aufgefallen). Resultieren mir also geschäftliche Nachteile aus meiner naiven Annahme, dass bei Geschäftsterminen meine Persönlichkeit im Vordergrund steht und diese bestenfalls durch meine Auftreten und meine Kleidung unterstrichen wird? Wäre es zukünftig somit ratsam, mich zu verkleiden? Barbara, 37, Head of Marketing

Liebe Barbara

Sie sollten wieder einmal bewusst Nachrichten sehen. Und sich dabei genau beobachten. Sie hören der Moderatorin zu wie sie von Bombendrohungen aus Nordkorea (Tagesschau) oder vergifteten Hühnern in Oberengstringen (TeleZüri) berichtet. Und Sie schauen genau hin. Nicht auf die Hühner oder Kim Jong-un. Sondern auf die Nachrichtensprecherin.

Auf den Sofas dieser Welt sind Kursstürze und Regierungskrisen nur die weiteren Nachrichten im Kurzüberblick. Die Themen, die bewegen: schlecht sitzende Anzüge in grellen Farben, Frisuren und überhaupt hat der Stylist der Nachrichtensendung wahrscheinlich den härteren Job als der Nahost-Korrespondent.

Und genau so verhält es sich auch in den Sitzungszimmern dieser Welt. Bei einer Präsentation müssen nicht nur Ihre Folien und Ihre Argumente überzeugen, sondern auch Sie selbst. Alles zählt. Vom Augenaufschlag bis zu den Zehennägeln. Auftreten, Kleidung, Parfüm, Frisur. Inhalt ist wichtig. Aber der Witz ist immer nur so gut wie der, der ihn erzählt. Bei Geschäftsterminen machen Sie den ersten Eindruck bereits beim Händedruck. Noch bevor Sie richtig den Mund aufgemacht haben.

Sie müssen sich nicht verkleiden. Sehen Sie den Hosenanzug oder das Deux-Pièce einfach als Uniform. Als Tarnanzug. Und schon fühlen Sie sich ein bisschen wie Peter Parker, Bruce Wayne oder Selina Kyle. Ich bin sicher, dass auch Sie ein Kostüm finden, mit Sie sich sich wohl fühlen. Wie stehen Sie denn da, wenn der Beamer ausfällt? Hoffentlich in einem Minirock (sollte aber nicht kürzer als eine Handbreite über dem Knie enden).

Und falls Sie es immer noch nicht glauben, sehen Sie die Nachrichten das nächste Mal ohne Ton.

Mit Nadelstreifen
Ihr Chef vom Ganzen

Bild: 500px (CC BY-NC-ND 3.0)

Apéro riche

Drink Water! by Alexandra Thielges

Ich bin stellvertretender Niederlassungsleiter bei einer Regionalbank. In unserer Gegend gibt es pro Jahr etwa ein Dutzend Anlässe, an denen unsere Bank vertreten sein muss: Unternehmerpreise, Symposien, Handelskammer-Vortrag und so weiter. Mein Chef schickt immer mich, weil ihm die Abende heilig sind. Aber an jedem dieser Events gibt es einen Apéro riche. Dabei trinke ich wenig bis keinen Alkohol und werde dort richtig dazu genötigt, und meine Diätbemühungen werden auch jedes Mal torpediert wegen dem Gruppendruck. Ich mag nicht mehr, aber meine Kollegen sagen, es sei ein Karrierekiller, wenn ich darum bitte, dass jemand anders diese Anlässe abdeckt. Muss ich da einfach durch? Jürg, 38

Lieber Jürg

Den Alkohol und insbesondere den Weisswein verteufeln, das wollen wir nicht. Er wird nicht nur an Unternehmerpreisen, Symposion und Handelskammer-Vorträgen rege ausgeschenkt, sondern auch an den von Ihrem Chef gepriesenen heiligen Abenden.Als ehemaliger Ministrant weiss ich, dass unser Dorfpfarrer aus dem Kelch gar kein Blut getrunken hat, sondern 2/3 Fechy und 1/3 Wasser statt umgekehrt.

Früher bin ich an jeden Anlass gepilgert, der nach Networking klang. Freiwillig. Es war ein Stahlbad. Ein Verkaufsprofi gab mir den entscheidenden Tipp: harre aus bis zum bitteren Ende. Es stimmte immer. Wer zur Teilnahme verdonnert wurde, ging früh. Die schnappten nach dem Referat ihren Mantel, guckten wichtig auf Ihr Handy und weg waren sie. Bis zum Schluss blieben nur jene, die etwas suchten. Und es schliesslich fanden. Bei mir.

Natürlich hilft das eine oder andere Glas dabei auszuharren. Und wenn Sie wissen wollen, wie Sie einen Abend mit einem einzigen Glas Alkohol überstehen, fragen Sie mal einen Barkeeper. Aber darauf kommt es nicht an. Diese Anlässe sind eine Chance Ihre Karriere nach vorne zu treiben. An diesen Abenden sind Sie die Firma. Sie, und nicht Ihr Chef. Das ist Ihre Chance. Wenn Sie schon da sein müssen, nutzen Sie sie.

Verteilen Sie so viele Visitenkarten wie möglich. Und fragen Sie jeden mit dem Sie sprechen nach seiner Karte. Schicken Sie am Tag danach eine E-Mail und bedanken Sie sich für das Gespräch. Es gibt nichts, was Sie weiter bringt als Kontakte. Ein Apéro riche ist dafür die beste Gelegenheit. Trinken Sie ein Glas Weisswein, essen Sie ein Schinkengipfeli und feiern Sie sich.

Prost!
Ihr Chef vom Ganzen

Photo by Alexandra Thielges (CC BY-NC-ND 3.0)

Ein Tritt in den Hintern

The Winner by Andrius Petrucenia

In den letzten Jahren ist es beruflich bei mir etwas festgefahren – Sie verstehen wahrscheinlich ganz gut, was ich damit meine. Guten Ideen – auch für eine evtl. Selbständigkeit – hätte ich zwar genug, was mir aber immer ein bisschen Probleme bereitet, ist die Umsetzung. Wahrscheinlich fehlt es neben der ganzen Kreativität ein bisschen an Struktur, vielleicht auch an Macherqualitäten. Doch warum sollte ich diese bei mir nicht entdecken? Da ich nun aber gelesen habe, dass man als Selbständiger am Anfang das Meiste selbst und das auch ständig machen muss, mache ich mir dann doch noch etwas Sorgen. Ausserdem meinten schon viele meiner Freunde, dass ich einfach zu gut für diese Welt wäre, was doch eher schlecht für die Businesswelt ist. Trotzdem würde auch ich gerne mal den Ton angeben, besonders weil zu Hause die erste Geige schon jemand anderes spielt. Was soll ich machen? Können Sir mir einen Rat, etwas Mut oder auch einen verbalen Tritt in den Hintern geben? Thomas, 37 Jahre

Lieber Thomas

Es waren einmal zwei Mäuse. Beide wurden in einen Topf mit Sahne geworfen. Die eine Maus strampelte und strampelte aber gab bald auf und ertrank. Die andere strampelte so lange, bis sich die Sahne in Butter verwandelte und kletterte raus.

Beim Schritt in die Selbständigkeit geht es viel weniger um Ideen oder Kreativität oder Struktur oder Gutmütigkeit oder erste Geigen, sondern ums Strampeln. Sie können aus jeder halbwegs vernünftigen Geschäftsidee ein florierendes Business machen. Suchen Sie nicht zu weit. Beginnen Sie mit dem, was Sie verdammt gut können. Haare schneiden, Blumen binden, Autos reparieren, Gipfeli backen, Kleider nähen, Werbetexte auf Französisch übersetzen, Kinder hüten, Olivenöl anbauen, Taxi fahren, Kaffee kochen, Hamburger brutzeln.

Wenn Sie länger strampeln als die anderen, werden Sie als Sieger aus dem Topf steigen. Die Frage ist, was Sie zum Strampeln bringt. Und wie Sie strampeln. Zuerst zum was: Im Moment denken Sie zu viel nach. Über diese Idee und jene Möglichkeit und das könnte ich noch machen und das wäre auch noch interessant. Entscheiden Sie sich für etwas. Aus dem Bauch heraus. Aus dem Moment heraus. Geben Sie sich den Startschuss.

Dann strampeln Sie. Und zwar so: Sie nehmen den vermaledeiten Telefonhörer in die Hand und rufen ein paar Leute an, von denen Sie glauben, dass Sie bei Ihnen bestellen könnten. Und zwar noch bevor Sie ein Logo machen oder eine Broschüre zusammenbrünzeln. Definieren Sie drei, vier, fünf Wunschkunden und telefonieren Sie. Erzählen Sie denen, was Sie vorhaben anzubieten. Hören Sie gut zu. Die werden Ihnen 1:1 sagen, was an Ihrem Angebot interessant ist und wo noch Erfolgsreserven liegen.

Jetzt richten Sie Ihr Business nach den Bedürfnissen dieser Kunden aus und finden weitere Kontakte, die genau dasselbe wollen. Sobald Sie die ersten Aufträge erledigt haben, holen Sie Feedback ein, stellen das auf Ihre Website und schicken Mailings mit dem Link darauf an weitere Wunschkunden. Dann telefonieren Sie diese ab und vereinbaren einen Termin.

Es klingt so einfach. Und das ist es auch. Alle, die Ihnen etwas anderes erzählen, sind Angsthasen, Pessimisten, Neider oder andere Mäuse, die in der Sahne ersaufen.

Im Strampelanzug
Ihr Chef vom Ganzen

Photo by Andrius Petrucienia (CC BY-SA 3.0)