Ein Pausengebet

Photograph the words extinguished upon my lips. by Nicole Belke on 500px

Lieber Chef vom Ganzen. Wir haben in der Firma seit kurzem ein sehr straffes Pausenreglement. Mein Büronachbar behauptet nun, er sei zum Islam übergetreten und verschwindet fünf Mal pro Tag draussen, um zu beten. In Wirklichkeit kann er Mohammed nicht von Buddha unterscheiden und geht raus, um zu rauchen. Ich weiss nun nicht, ob ich ihn auffliegen lassen oder eine ähnliche Masche suchen soll. Kathrin, 29, grafische Gestalterin

Liebe Kathrin

Nicht nur Muslime haben es schwer in der Schweiz. Auch Raucher und andere Pausenclowns. Im Land der Uhren macht sich schnell unbeliebt, wer Zeit schindet. Und einfach mal so aus dem Büro verschwindet.

Obwohl Studien belegen, dass die Produktivität nach 45 Minuten konzentriertem Tun stark abfällt. Und es wirtschaftlich gesehen Sinn macht, den Arbeitstag in Häppchen zu bestreiten. So wie früher in der Schule. Eine Lektion nach der anderen. 45 Minuten E-Mails beantworten. Dann eine Ovomaltine. Oder ein Stossgebet Richtung Mekka. 45 Minuten Offerten schreiben. Dann ein Caramel Macchiato mit laktosefreier Sojamilch und Extra Shot. Oder ein Alpenbitter. Aber das ist ein anderes Thema.

Von einer Denunziation Ihres Büronachbars rate ich ab. Damit offenbaren Sie Ihren Vorgesetzten schlummerndes Potenzial als umsatzgefährdender Whistleblower. Besser Sie ziehen die aktuelle Hirnforschung bei, die Müssiggang als wichtige Voraussetzung für Produktivität belegt. Und begeistern Ihren Arbeitgeber für die Installation einer Pausenglocke.

Falls Sie damit auf Unverständnis und/oder an die Grenzen Ihrer Missgunst stossen, starten Sie in der Firma eine Initiative für ein Kopftuch-, Minarett- und Rauchverbot. Es mag lächerlich klingen. Aber in der Schweiz stehen die Chancen damit durchzukommen erstaunlich gut.

Oder Sie lassen sich vom Büronachbar anstecken. Und konvertieren ebenfalls. Sie steigern dank nebelreichen Gebetspausen Ihre Kreativität und Produktivität als grafische Gestalterin. Und schaffen damit beste Voraussetzungen für mehr Lob, Anerkennung, innerer Zufriedenheit und eine Lohnerhöhung.

Mit religiöser Innbrunst
Ihr Chef vom Ganzen

Bild: 500px (CC BY-NC-ND 3.0)

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